Die zweite Phase der Vertreibung
Die zweite Phase der Vertreibung
Sudan’s Imperilled Transition: Policy Recommendations for the U.S.
Sudan’s Imperilled Transition: Policy Recommendations for the U.S.
Op-Ed / Africa

Die zweite Phase der Vertreibung

Trotz Friedensabkommen ist die Lage in der Krisenregion Darfur noch immer nicht sicher. Nur eine UN-Friedenstruppe kann für ein Ende der Gewalt im Westsudan sorgen.

Seit Februar 2003 herrscht in der westsudanesischen Darfur-Region ein Bürgerkrieg, in dem unter anderem schwarzafrikanische Rebellengruppen gegen arabische Reitermilizen kämpfen, die von der Regierung in Khartum unterstützt werden. Nach UN-Schätzungen sind bislang bis zu 300.000 Menschen in dem Konflikt ums Leben gekommen; mehr als 2 Millionen Bewohner sind aus ihren Dörfern geflohen und leben in Lagern. Die sudanesische Regierung weigert sich trotz Forderungen auch afrikanischer Staaten, einer UN-Mission für Darfur zuzustimmen. Im Mai hatte die Afrikanische Union ein Friedensabkommen vermittelt, das aber nur von einem der drei Rebellenbündnisse unterzeichnet wurde, die an den Verhandlungen teilgenommen hatten. Die Kämpfe haben seither angehalten, und in Darfur herrscht ähnlich viel Gewalt wie zuvor.

Der Norden der sudanesischen Kriegsregion Darfur ist eine entvölkerte Region von unheimlicher Leere. Hier erklärte mir Ayesha, warum sie und ein paar andere sich weigerten, Flüchtlinge zu werden wie die anderen. „Wir haben Angst vor einem neuen Angriff”, sagte sie, „aber wir halten stand und kommen zurück, um in der Nähe unseres Dorfes zu sein.” „Warum?”, fragte ich. „Weil wir hier hingehören.”

Die meisten Bewohner Darfurs aber – 2,5 Millionen Vertriebene innerhalb Sudans oder Flüchtlinge im benachbarten Tschad – könnten nicht mehr hingehen, wo sie hingehören, weil Sudans Regierung weiterhin die Janjaweed-Milizen unterstützt, die quer durch Darfur und den Osten Tschads plündern und vergewaltigen. Wir sehen heute die zweite Phase einer staatlich geförderten Kampagne, die größten nichtarabischen Völker Darfurs zwangsweise aus ihrer Heimat zu vertreiben, um sie kollektiv für die Rebellion einiger ihrer Volksgenossen zu bestrafen. Erst werden so viele wie möglich getötet und verjagt; dann wird humanitäre Hilfe für die Überlebenden manipuliert, damit diese in Elendslagern dahinvegetieren und an Seuchen und Hunger sterben, ohne die geringste Chance auf Rückkehr.

Ein dauerhafter Frieden in Darfur würde bedeuten, diese Entwicklung umzukehren. Aber wenn sich die Überlebenden nicht sicher fühlen, wird niemand von ihnen sein Versteck, sein Vertriebenen- oder Flüchtlingslager verlassen und zurückgehen, um das abgebrannte Heimatdorf wiederaufzubauen. Jeder Bewohner von Darfur sucht Sicherheitsgarantien: eine UN-Truppe, die die Entwaffnung der Janjaweed-Milizen sicherstellt, die Flüchtlinge schützt und ihnen bei der Rückkehr nach Hause hilft. Saleh, ein Vertriebener in Nord-Darfur, drückte das ganz einfach aus: „Ein Friedensabkommen, das die Janjaweed nicht entwaffnet und internationale Truppen schickt, die uns nach Hause bringen, ist kein Frieden.”

Das Darfur-Friedensabkommen, das Sudans Regierung in Khartum und eine der Darfur-Rebellengruppen im Mai in Nigerias Hauptstadt Abuja unterzeichneten, erfüllt diese Erwartung leider nicht. Auf all meinen jüngsten Reisen in den Rebellengebieten Darfurs und den Flüchtlingslagern im Osten des Tschad fand ich keinen einzigen Flüchtling oder Vertriebenen aus Darfur, der diesen Friedensvertrag in seiner gegenwärtigen Form unterstützt. Das Abkommen verlässt sich einzig und allein auf Sudans Regierung, um die Janjaweed zu entwaffnen, ohne Überprüfung durch die UNO. Für die Tausenden Kriegsopfer bedeutet dies, dass das Abkommen wertlos ist. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie weiterhin auf der Flucht bleiben.

Es ist das erste Mal in zwanzig Jahren, seit ich in Afrikas Kriegsgebieten arbeite, dass ich Menschen treffe, die ihr eigenes Friedensabkommen so nachdrücklich ablehnen. Sie sind natürlich nicht gegen einen Frieden an sich. Aber sie sind gegen bestimmte Klauseln im Abuja-Abkommen, die sie gegen Janjaweed-Übergriffe und Landraub schutzlos lassen. Ihre Ansichten sind nicht platt und sie werden von niemandem manipuliert. Sie haben Recht.

Das Schlüsselthema in Darfur ist Sicherheit, und das bedeutet an erster Stelle: Entwaffnung oder zumindest Neutralisierung der Janjaweed. Es gibt in Darfur natürlich noch andere Risiken, aber im Vergleich zu den Janjaweed sind sie alle zu bewältigen. Vertrauen vor Ort in die Neutralisierung der Janjaweed braucht eine unabhängige Überwachung durch auswärtige Kräfte. Im Darfur-Friedensabkommen liegt diese bei der Friedenstruppe der Afrikanischen Union, die bereits in Darfur stationiert ist und offen zugibt, dass sie das nicht leisten kann. Nötig ist ein Übergang zu einer UN-Truppe mit einem robusteren Mandat als die gegenwärtige AU-Mission. Aber Sudans Regierung ist gegen eine UN-Truppe jedweder Art in Darfur.

In der Praxis hängt das Abkommen also allein vom Willen der sudanesischen Regierung ab, die Janjaweed zu entwaffnen. Khartum hat dies schon viele Male versprochen, auch gegenüber den beiden US-Außenministern Colin Powell und Condoleezza Rice. Aber sie werden es nicht tun, denn die Janjaweed stellen für das Regime den Eckpfeiler seiner Sicherheit in Darfur dar.

Nicht nur die Kriegsopfer begreifen diese Realität. Ein Offizier der Afrikanischen Union sagte mir: „Die Regierung Sudans wird die Janjaweed nicht entwaffnen, solange es Rebellen gibt. Ohne UN-Überwachung wird es nicht passieren.” Tschads Präsident Idriss Déby hat auch gesagt, dass diejenigen Rebellenfraktionen, die das Darfur-Friedensabkommen bisher ablehnen, es unterschreiben würden, wenn es mit Sicherheitsgarantien verbunden wäre: „Darfurs Bevölkerung traut der Regierung des Sudan nicht”, sagte er mir. „Sie brauchen die UNO als Garant des Abkommens.”

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