Haiti: Hundert Jahre Grausamkeit
Haiti: Hundert Jahre Grausamkeit

Haiti: Hundert Jahre Grausamkeit

Als ich im Jahr 1999 meine Stelle als Sonderkoordinator antrat, gab mir ein alteingesessener Haiti-Experte einen ausgezeichneten Rat. Er sagte: ,,Vergessen Sie nicht, dass Haiti der Ort ist, an dem die besten Absichten sterben.‘‘

Die Welt hat schnell und großzügig auf die Katastrophe reagiert. Jetzt, da nach der unmittelbaren Katastrophenhilfe der wirtschaftliche und politische Wiederaufbau bevorsteht, sollte man sich dieser Weisheit entsinnen. Insbesondere für die Vereinigten Staaten ist Haiti ein Ort, an dem trotz vieler guter Grundsätze immer viel schief gegangen ist. Der erste Grundsatz stammt von Thomas Paine, einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten: Ein Staat, der einmal Kolonie war, sollte selbst nie Kolonien haben. Der zweite Grundsatz, aufgestellt vom fünften US-Präsidenten James Monroe: Die westliche Hemisphäre muss ihre Probleme selbst lösen, und sollte sich nicht in europäische Machtpolitik verstricken. Und der dritte Grundsatz, von Präsident Woodrow Wilson (1913 bis 1921): US-Engagement wird in armen Ländern Frieden, Wohlstand und demokratisches Regieren fördern, was in deren wie im amerikanischen Interesse liege.

Diese ehrenvollen Grundsätze wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den USA in Haiti allesamt erschüttert. Als die Marines vor fast hundert Jahren Haiti mit der Begründung besetzten, amerikanisches Leben und Eigentum zu schützen, war dies der Anfang einer 19 Jahre währenden Militärherrschaft. Bis 1934 nutzten die Vereinigten Staaten ihre Oberherrschaft über Haiti, um ihre eigenen geschäftlichen Interessen zu fördern, die Deutschen rauszuhalten, Stabilität durch Waffengewalt zu erzwingen und nationalistische Bewegungen zu zerschlagen, die ebendiese Kontrolle bedrohten. Die Haitianer lernten: Der beste Weg, um voranzukommen, ist, ein gutes Verhältnis zu den Besatzern zu pflegen.

Ein Erbe dieser Zeit war eine politische, wirtschaftliche und soziale Struktur mit noch ungleicheren Verhältnissen als zuvor. Klassenunterschiede und Ausbeutung wurden verstärkt, eine Tendenz, die bis heute anhält. Ein weiteres Vermächtnis: die Herrschaft der Macht statt des Rechts. Dies spiegelte sich nicht nur von 1957 bis 1986 im grotesken Machtmissbrauch der Diktatoren ,,Papa Doc‘‘ und ,,Baby Doc‘‘ Duvalier und ihrer brutalen Tonton Macoutes wieder, sondern auch in der messianischen Vision einer Befreiung um jeden Preis, wie sie der Präsident und frühere Armenpriester Jean-Bertrand Aristide in den neunziger Jahren und zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts verfolgte.

Wir müssen Lehren aus den alten Fehlern in Haiti ziehen, wenn wir verhindern wollen, dass sie sich wiederholen. Erstens hat es globale Folgen, wenn nichts gegen den Zerfall und das Scheitern eines Staates unternommen wird. Wenn es weder Stabilität noch eine Regierung mit Verantwortungsgefühl gibt, schadet das nicht nur dem haitianischen Volk. Sondern dies eröffnet auch neue Routen für Menschenhandel, Waffen und illegale Drogen. Ferner verursacht es Flüchtlingsströme über Grenzen und Meere hinweg, hemmt internationalen Handel und Investitionen und erleichtert die Ausbreitung von Pandemien. Aus diesen Gründen muss auf die große finanzielle und personelle Unterstützung bei der Katastrophenhilfe nun ein ebenso großes oder sogar noch größeres Engagement für ,,besseren Wiederaufbau‘‘ folgen.

Eine weitere Lehre ist, dass der Aufbau einer stabilen Gesellschaft nicht nur materiellen Wiederaufbau erfordert, sondern auch die Wiederherstellung von Sicherheit. Während Haiti in den vergangenen fünf Jahren erhebliche Fortschritte in den Bereichen politische Stabilisierung und Wachstum gemacht hat, waren die Bedingungen für Sicherheit, Regierungsführung und wirtschaftliche Stabilität auch vor dem Erdbeben immer noch schwach. In diesem Sinne geht es in Haiti nicht um Wiederaufbau, sondern um Aufbau. Und in Sachen Sicherheit können die 25000 Friedenstruppen, die nun nach Haiti strömen, lediglich ein Puffer sein. Haitis Nationalpolizei muss möglichst schnell die Arbeit übernehmen, um im Alltag Stabilität und Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. Angesichts des Umstandes, dass nicht einmal die Hälfte der Polizisten wieder arbeitsfähig ist, dass Plünderer bereits erschossen oder gelyncht wurden, gefährliche Gefangene auf freiem Fuß sind und die Angst unter den Bürgern wächst, bedeutet dies eine gewaltige Herausforderung.

Ebenso müssen ausländische Partner dem Land beim Aufbau der drei Staatsgewalten helfen. Das Land braucht ein effizientes Parlament und eine funktionierende Justiz, die ein Gegengewicht zur Macht der Regierung bilden. Haiti sollte vorerst die Politik zur Seite legen, die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen verschieben und eine Machtverteilung nach dem Prinzip ,,Der Sieger bekommt alles‘‘ aufgeben.

Wirtschaftliche Erneuerung wiederum bedeutet mehr als den Bau von Straßen, Kliniken, Schulen, Kraftwerken und Häusern. Die Haitianer müssen die Grundlagen für langfristige Entwicklung legen. Durch Wiederbelebung der Landwirtschaft können sie Investoren anlocken. Ferner müssen sie für eine gleichmäßigere Einkommensverteilung sorgen und Jobs schaffen. Dies geht mittels einer Strategie, die Wert auf medizinische Grundversorgung und Schulbildung legt, aber auch die Kleinbauern unterstützt, auf Umweltschutz achtet und einen Erlass der Auslandsschulden anstrebt.

Die Regierung selbst muss mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Anwälte, Lehrer, Gewerkschaften und Frauen sind diejenigen Kräfte, die eine Gesellschaft zusammenhalten und sozialen Druck abfedern. Solche Gruppen sind in Haiti bisher allzu oft nur für ,,Teile-und-herrsche‘‘-Strategien benutzt worden.

Hieraus folgt die letzte Lektion. So wie die Haitianer neu zusammenfinden müssen, muss dies auch die internationale Gemeinschaft tun. Kabbeleien darüber, wessen Flugzeuge am Flughafen Port-au-Prince landen dürfen, passen nicht zur Größe der Aufgabe. Es braucht eine globale Anstrengung, auf der Basis einer Vision der Haitianer. Ein erster Schritt war es, den Vereinten Nationen die Führungsrolle zuzuweisen. Auch wenn sie angesichts der eigenen Verluste in Haiti geschockt und traumatisiert sind: Die Organisation muss die Kraft dazu finden. Es geht darum, beste Absichten in beste Taten umzumünzen.

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